Kaspar Hauser Lied.
Für Bessie Loos.

Er wahrlich liebte die Sonne, die purpurn den Hügel hinabstieg,
Die Wege des Walds, den singenden Schwarzvogel
Und die Freude des Grüns.

Ernsthaft war sein Wohnen im Schatten des Baums
Und rein sein Antlitz.
Gott sprach eine sanfte Flamme zu seinem Herzen:
O Mensch!

Stille fand sein Schritt die Stadt am Abend;
Die dunkle Klage seines Munds:
Ich will ein Reiter werden.

Ihm aber folgte Busch und Tier,
Haus und Dämmergarten weißer Menschen
Und sein Mörder suchte nach ihm.

Frühling und Sommer und schön der Herbst
Des Gerechten, sein leiser Schritt
An den dunklen Zimmern Träumender hin.
Nachts blieb er mit seinem Stern allein;

Sah, daß Schnee fiel in kahles Gezweig
Und im dämmernden Hausflur den Schatten des Mörders.

Silbern sank des Ungebornen Haupt hin.

– Georg Trakl: Die Dichtungen. Erste Gesamtausgabe. Hg. von Karl Röck. Salzburg/Leipzig: 1917, S. 115

War Casper Hauser ein Nestbeschmutzer, Störenfried und Gestörter, ein Lügner, ein Betrüger, ein Selbstmörder? Dem aber folgen Blätterwald und Tier und Lehrsatz und dunkles Staatsarchiv. Ich wahrlich träume die Mythe, die purpurn das Morgen hinaufzieht.

Wie gefährlich war das Neugeborene, dass es vertauscht wird und verschleppt, weggesperrt, ein- und ausgeschlossen das Kind? Was ist das Verhängnisvolle dieses Knaben, dass man ihm Zuhause und Lebensraum nahm, ihn Töten wollte, damit sein Geist schweige?

An Pfingsten 1828 steht er da in Nürnberg, wie vom anderen Stern. „Wie vom Himmel gefallen,“ bezeugen die einen, „ein Wolfskind“, mahnen die andern. Was ist der Mensch? Halb Tier, halb Gott? Der Außerirdische ist der Sprache kaum mächtig. Im seltsamen Oberpfälzer Dialekt sagt er auf: „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is.“ Der Wortschatz wackelt wie sein Vorwärtsschreiten. Weder versteht er, was er sagt, noch die Fragen, die man hat. Er schafft es gerade, aufrecht zu stehen.

Das Ursprüngliche an Casper Hauser berührt die Leute. Ein Urphänomen ist er, ganz eigen, ohne Ideal, ohne Erziehung, ohne Verpflichtung und Gewohnheit. Sein Herz, das ist bewahrt vor Lastern, sein Kopf vor Irrtümern. Rousseau hätte seine Freude an ihm. Das Kind Europas ist reine Natur, Organ und Sinn. Ist es Mensch schon? Oder mehr? Das Öffnen einer Sektflasche macht ihn betrunken. Casper Hauser sieht Kleinstes auf größte Distanz. Später, des Lesens mächtig, kann er bei vollkommener Schwärze lesen, Farben unterscheiden im Dunkel. Sein Stern ist geschaffen für die Finsternis.

Er steigt auf noch am Tage, wird heller und größer. Die Enge des Kerkers ist vorüber, wo eingerollt er liegen muss und die Sinne sich ihm weiten. Wo Schatten Spielgefährten sind. Wo er das Verschwiegene hört, der Verstummten Geschrei, deren Schwere und Last. Wo kalte Wände seufzen, wo seine Flamme den schwarzen Ort besänftigt und die Bedrängnis erwärmt. Jetzt kennt er Tag und Nacht. Er lernt in kurzer Zeit: Das Lesen, Rechnen, Schreiben, Musizieren, Malen, Schach. Wie zum Beweis: Ein Wolfskind ist er nicht.

Georg Friedrich Daumer ist sein Lehrer, Dichter noch und Philosoph. Und wie das ist mit Philosophen, sie befragen. Was ist Sein und wer bist du? Für welches Leben hat man dich bestimmt? Sie wollen wissen nur, in welch Zusammenhang es steht. Wie das Schicksal webt. Zu Patmos wird die Insel Schütt. Erinnerungen kommen Caspar: Kerker, Käfig, Schatten, sein Verließ. Verhängnis, ja, doch Ursprung ist das alles nicht. Im Innern liegt die Antwort tief. Gefahr rückt an. Erschütterung. Eine Hacke trifft Europas Kind, trifft Stirn und Kopf. O unter Wölfen ist das Kind.

Wer ihm das angetan hat, weiß der Junge. Masken schützen nicht vor heller Sicht. Sein weiter Blick durchschaut das schwarze Tuch. Den Mörder kennt er. Wärter war er, Schatten, du. Die schwere Tat vermocht der nicht zu tun, nur stümperhaft ist das Verbrechen. Vorschub nur. Verdunkelung. Die Nacht bricht ein ins Städtische. Lehrer Daumer wird bedroht. Das Schöne, all die Freude ist dahin, das Friedliche. Zu Vormund Gottlieb Tucher muss jetzt Caspar ziehen. Polizei begleitet ihn, bezahlt vom König. Anselm Feuerbach, Jurist mit Namen, eilt herbei. In tausend Jahren findet dies Verbrechen einmal statt. Wie ungeheuerlich ist das Vergehen, Körper, Seele, Geist zu morden.

Ein Fremder taucht in Nürnberg auf, ein Alphatier. Hoffnung weckt sein Name. Gönner will er werden. Geld bekommt das Kind Europa, Seide, Uhren, Schmuck. Verführung kreist den Jungen ein. Die hohe Abkunft wird ihm eingeflüstert. Niemand sieht die weiße Pfote und Unschuld kennt sie nicht. Aufs Schloss soll er, aufs englische. Lügen schleppen Caspar weg. Gemeinschaft geht verloren. Nur bis Ansbach geht die Reise, ins Hause Meyer, wo die strenge Pädagogik lebt und die Sinne einem schwinden. Aber Feuerbach ist um ihn.

Caspar Hauser bekommt Konfirmationsunterricht bei Pfarrer Fuhrmann. Der junge Mann ist ergriffen von der Passion Christi. Er weint unstillbar. Sein Stern erkennt im Licht der Welt Verwandtschaft. Und im Erleiden. Man möge den Gekreuzigten abnehmen, bittet er. Der Narr wird in der Schwanenritterkapelle konfirmiert. Er ist verbunden mit dem Gral, empfängt Kelch und Hostie. Und die Gesellschaft ist erfreut. Caspar ist nun volljährig, darf als Schreiber am Gericht sein Geld verdienen. Doch was, wenn er sich seiner Herkunft erinnert? Wenn der alte Trieb, ein Reiter, ein Ritter zu werden, ihn wie Parzival erweckt?

Und dann vermutet Feuerbach, dass Caspar Hauser ein beiseite geschaffter Prinz aus dem Hause B. sei. Er wagt es nicht, „Baden“ auszuschreiben. Er schreibt es als geheimes Memoire an die Königinwitwe Karoline von Bayern. O frage nicht nach Name, Herkunft eines Schwanenritters! Das Memoire ist nicht geheim genug. Feuerbach stirbt nach dem Essen in einer Herberge in Frankfurt am Main mehr schlagartig als schlaganfällig. Die Bluthunde verletzen Caspars Seele gleich mit. Der fremde Gönner rückt ab.

Caspar wird in den Ansbacher Hofgarten gelockt. Will er den Namen seiner Mutter erfahren? Er soll allein kommen, ohne Polizeischutz. Am 14. Dezember 1833 betritt er den Hofgarten, sieht, dass Schnee fiel in kahles Gezweig. Dort trifft er einen Herrn im schwarzen Pelz, der ihm einen violetten Beutel überreicht. Erwartungsvoll öffnet Caspar den Beutel und findet einen beschriebenen Zettel. Während er die Nachricht liest, schneidet ihn der damaszierte Dolch in Herz, Lunge, Zwerchfell und Leber. Die Wunde ist vierfach tödlich. Dennoch richtet sich Caspar auf und rennt siebenhundert Schritte zu seinem Erzieher Meyer, ihm den Mord zu melden. Aber der Pädagoge schimpft: „Das war jetzt der dümmste all deiner Streiche. Du wolltest vielleicht auf dich aufmerksam machen. Doch das ist dir misslungen. Und jetzt bist du ein Selbstmörder.“ Und er zerrt ihn noch einmal zum Platz des Attentats. Nur die Harten kommen in den Garten.

Vier Ärzte kümmern sich um Caspar. Er wird gefragt, ob er jemanden verzeihen möchte, und antwortet: „Warum denn, es hat mir doch niemand etwas getan.“ Macht die Antwort ihn zum Selbstmörder? Oder zum Übermenschen? Das Leben ist ineinander und miteinander verwoben. Wenn es stimmt, dass der Ermordete den Dolch des Mörders wetzt, und beide den verhängnisvollen Streich ausführen, wenn es stimmt, dass der Mensch sein eigenes Unglück einlädt,1 hat Caspar den Himmelsritt seines Lebens vollendet. Er nimmt den Mord nicht persönlich. Schuld ist ihm fremd. Sein friedfertiges Herz ist nicht von dieser Welt. Kann ein Ungeborener sterben, ein im Geiste lebender? Caspar Hauser bittet den Pfarrer, bei seiner Beerdigung für seinen Mörder ein Gebet zu sprechen. Er schließt am 17. Dezember 1833 die Augen. In der Nacht der Beisetzung drei Tage später wird ein Rudel dunkler Männer auf dem Friedhof gesichtet. Und das Grab wird nachträglich bewacht. Auch das Alphatier taucht wieder auf und knurrt und bellt: Caspar war ein Schwindler und Betrüger.2

Es lebt die Mythe, dass Caspar Hauser die Aufgabe inne hatte, aus Deutschland ein Heiland zu machen, für Europa ein himmlisches Haus.3 Um 1800 ist die Zeit der Dichter, Denker und deutschsprachigen Komponisten, die ihre geistigen Ideen mit der Welt verbinden. Die französische Revolution hat für eine Neugeburt und ein Zusammenbruch gesorgt. In den Menschen lebt der Gedanke, dass jeder so ganz er selbst werden, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur gerecht werden kann. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind greifbar. Eine Gesellschaft wie am Hofe des König Artus soll in Süddeutschland aufleben. Napoleon betreibt Heiratspolitik. Er adoptiert Stéphanie de Beauharnais, die mit Karl von Baden verheiratet wird. Napoleon wird am Michaelstag des 29. September 1812 in Karlsruhe ein Enkel geboren. Der Vater will dem Kind einen deutschen Namen geben, die Mutter den Jungen Gaspard nennen. Aber es gibt Interessen, Kräfte, Widerstände, welche die Mission verhindern, dem deutschen Idealismus einen Lebensraum zu geben. Der Zeiten Kreis hat sich noch nicht erfüllt.4 Der „Erbprinz“ stirbt plötzlich und wird mit dem Kürzel N.N. beigesetzt. Oder stirbt das Austauschkind Ernst der Bedienstetenfamilie Blochmann? Weil die Gerüchte nicht verstummen, kommt Caspar nach Rheinfelden und wird dort von einem Kindermädchen aufgezogen. 1816 taucht im Oberrhein eine Flaschenpost auf mit dem lateinischen Hinweis, dass ein Thronanwärter widerrechtlich gefangen gehalten wird. Unterschrieben ist die Notiz mit dem Anagramm: „S. Hanes Sprancio“ oder dechiffriert: „sein Sohn Caspar“. Schließlich wird das Kind bei Wasser und Brot in einen Kerker eingesperrt, bis es 1828 in Nürnberg zu Tage tritt.

Nach dem Film Kaspar Hauser von 1993 wollen das Magazin Der Spiegel und die Stadt Ansbach 1996 mit einem DNA-Test endgültig klären, ob Caspar Hauser der Prinz von Baden ist. Blutspuren von der Unterhose, die Caspar beim Attentat im Hofgarten getragen haben soll, werden mit dem Blut direkter weiblicher Nachfahren von Stéphanie de Beauharnais verglichen. Das Ergebnis lautet: Eine Verwandtschaft ist ausgeschlossen.5 Dabei ist nur bewiesen, dass mit der Familie des Hauses Baden die Unterhose nicht verwandt ist.6 2002 kommt es zu einer zweiten DNA-Analyse. Diesmal werden Schweiß vom Hemdkragen, vom Hutband des Zylinders sowie Blut aus Hemd und Hose, die Caspar am Tag des Attentats getragen hat, und zwei Haarsträhnen aus Feuerbachs Nachlass untersucht. Es kann bewiesen werden, dass alle Proben von einer Person sind und diese nicht mit dem genetischen Code des Blutes von 1996 übereinstimmen. Dafür ist die Übereinstimmung mit der DNA der weiblichen Nachfahren sehr, sehr hoch.

Geschichte wiederholt sich im Kleinen wie im Großen, ob Völkermord, Kredite, Mauerbau, Migrationspakt, Lockdown und sozialer Abstand. Wie gefährlich ist der Mensch? Und wie gefährlich bist du? Kennst du deine Herkunft und Mission? Ist der Kosmische Mensch in dir noch ein Gefangener oder trägst du das Licht in die Welt?

  • 1 Mikhail Naimy: Das Buch Mirdad. Ein Leuchtturm und ein Hafen für Jene, die sich nach der Überwindung sehnen. Haarlem: 1968, S. 147f.: „Der Ermordete wetzt den Dolch des Mörders, und beide führen den verhängnisvollen Streich aus. Der Beraubte gibt dem Räuber die Richtung an, und beide begehen den Raub. Ja, der Mensch lädt sein eigenes Unglück ein und beschwert sich dann über die lästigen Gäste, weil er vergessen hat, wie und wann und wo er sich hinsetzte und die Einladungen ausschrieb und versandte. Aber die Zeit vergißt es nicht; und die Zeit stellt zur rechten Zeit jede Einladung an die richtige Adresse zu; und die Zeit führt jeden Eingeladenen zur Wohnung des Gastgebers.“ Siehe auch: Fernsehen. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass der bulgarische Anthroposoph Dimitar Mangurov in Caspar Hauser den guten Schächer am Kreuze zu Golgatha, an der Seite Christi identifiziert haben will. Wie Christus sagte auch Caspar Hauser vor seinem Tod: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und die verunstalteten Knie von Caspar Hauser nehmen einen Bezug zum Brechen der Beine der Gekreuzigten. Caspar Hauser ist also der erste Mensch auf Erden, der das Prinzip „In Christo morimur“ erlebt hat. Vgl. Dimitar Mangurov im Vortrag am 27.03.2016 in Varna. In: erzengelmichaelblog: Kaspar Hauser und das Mysterium von Golgatha Es würde erklären, warum Caspar unstillbar weinte und bat, man möge den Gekreuzigten abnehmen. In tausend Jahren findet ein so großes Verbrechen nur einmal statt.
  • 2 Vgl. Eckart Böhmer: Caspar Hauser – eine Biografie. In: Caspar Hauser und das Ringen um die Zukunft. Symposium. Stiftung Rosenkreuz zur Förderung hermetischen und gnostischen Gedankenguts. Birnbach: 2015
  • 3 Vgl. die Notizen von Graf Polzer-Hoditz vom November 1916 (nach Aussagen Rudolf Steiners?): „Süddeutschland hätte werden sollen die neue Gralsburg der neuen Geistesstreiter und die Wiege künftiger Ereignisse. Wohlvorbereitet war der Geistesraum durch alle jene Persönlichkeiten, die wir als Goethe, Schiller, Hölderlin, Herder usw. kennen. Kaspar Hauser sollte wie um sich herum sammeln all das, was da lebte in diesem so vorbereiteten Geistesraum.“ Zit. n. Peter Tradowsky: Kaspar Hauser oder das Ringen um den Geist. Ein Beitrag zum Verständnis des 19. und 20. Jahrhunderts. Dornach/Schweiz: 31983, S. 272. Siehe auch ebd. S.&nbsp74-84
  • 4 Friedrich Schiller: Sämtliche Gedichte. Hrsg. von Jochen Golz. Frankfurt a. M./Leipzig: 1994, S. 559: „Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag des Deutschen ist die Ernte der | ganzen Zeit – wenn der Zeiten Kreis sich füllt, und des Deutschen Tag wird scheinen Wenn die Scha sich vereinen In der Menschheit schönes Bild!“ und „Jedem Volk der Erde glänzt | Einst sein Tag in der Geschichte, | Wo es strahlt im höchsten Lichte | Und mit hohem Ruhm sich kränzt, | Doch des Deutschen Tag wird scheinen | Wenn der Zeiten Kreis sich füllt.“
  • 5 Der entzauberte Prinz Kaspar Hauser. Gen-Forscher lösen ein Jahrhundert-Rätsel. In: Der Spiegel, Nr. 48 vom 25. November 1996.
  • 6 Alexander Biernoth. Zit. n. Bayerischer Rundfunk (BR). Franken. Kultur. Kaspar Hauser. Die Genanalysen

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