Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.

– Friedrich Schiller: Das deutsche Reich. In: Friedrich Schiller: Sämtliche Gedichte. Hrsg. von Jochen Golz. Frankfurt a. M./Leipzig: 1994, S. 298

Es gärt. Im Corona-Jahr versammeln sich vielerorts Demonstranten für Frieden und Freiheit. Vom deutschen „Souverän“ ist die Rede. Ein Friedensvertrag mit den Alliierten wird gefordert. Das Etablissement sieht sich von „Reichsbürgern“ gefährdet, welche die Ordnung des Bundes nicht mehr anerkennen.1 Vom Journalismus ist geblieben, was Vertreter von Bund, Ländern und Parteien in Aufsichtsgremien absegnen.2 Die Antifa mit ihrer schwarz-weiß-roten Flagge wendet sich gegen den Widerstand und steht politisch auf der Seite der Gleichschaltung.3 Justiz und Polizei übertreten Gesetze, wenn es darum geht Maßnahmen durchzusetzen, welche die Freiheit der Bürger beschneiden.4 Das Weltwirtschaftsforum treibt die Idee eines „Great Reset“, eines „Technokratischen Zeitalters“ voran.5 Verkehrte Welt. Der Vorhang zerreißt vor unseren Augen. Und wir tragen eine Maske.

In der vorangegangenen Betrachtung haben wir uns mit einem Beitrag von Axel Burkart auseinandergesetzt, dass die „Deutschen“ eine spirituelle Aufgabe haben. Sie sollen das ICH verwirklichen, das I.CH., den „Jesus Christus in mir“. Das sei gemeint, wenn am „deutschen Wesen die Welt genesen“ soll.6 Im Deutschen bin ich, wenn ich „ich“ sage, bewusst oder unbewusst mit dem Christus als kosmisches und überkosmisches Selbst im Einklang, während in mehreren europäischen Sprachen die eigene Identität zwar die Initiale „Jesus“ sichtbar macht, der „Christus“ (die Geistgestalt der Stoffgestalt Jesu) dagegen unmarkiert bleibt.

Was hat es mit dem „Deutschen Reich“ auf sich? Axel Burkart weist darauf hin, dass das „Deutsche Reich“ kein Land, kein Staat, keine Nation, sondern eine geistige Heimat ist.7 „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“, heißt es bei Johannes 18:36. Wenn die „Deutschen“ eine spirituelle Aufgabe haben, ist dann ihr „Reich“ eine Verheißung wie das „Neue Jerusalem“, das entsteht, nachdem der alte Himmel und die alte Erde vergangen sind? Spürst du, wie die alte Welt stirbt und die neue darum ringt, geboren zu werden? Erwacht Germania aus einem Dornröschenschlaf? Oder wie das Schneewittchen (weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz) aus dem Glassarg?

Seit unserer Zeitrechnung gehört das „deutsche“ Gebiet mit seinen Königen und Kaisern, Fürsten, Grafen, Räten, Kanzlern, Ministern und Prälaten mehr oder weniger deutlich zum „Römischen Reich“. Von 1871 bis 1945 ist das Deutsche Reich kurzzeitig ein Nationalstaat. Langlebige Landesgrenzen kennt Deutschland nicht. Es liegt im Herzen Europas. Die deutsche Historie ist geprägt von Bündnissen und Brüchen, von Korruption, Krisen, Konfessionsstreitigkeiten und Kriegen, also von Raub, Unterdrückung, Ausbeutung, Elend, Hunger, Krankheit, Folter, Vergewaltigung, Schande, Schmerz, Mordlust, Sterben, Blut. Das Vaterland ist ein Gottesacker.

Wenn in der deutschen Sprache beim „Ich“ immer auch der „Christus“ mit angesprochen ist, warum lässt sich das nicht an den Früchten erkennen? Warum soviel Leid? Liegt es an Rom mit seiner Kirche, die aus dem „Heiland“ ein „Totenreich“ gemacht hat? Hat der Nationalsozialismus die Idee eines „Deutschen Reiches“ als Drittes Reich zunichte gemacht? Haben wir es mit einem neudeutschen Sendungsbewusstsein und Größenwahn zu tun, wenn es bei Axel Burkart heißt, die „Deutschen“ sollen das ICH verwirklichen, das I.CH., den „Jesus Christus in mir“, damit am „deutschen Wesen die Welt genesen“ kann? Tönt wieder der Ruf nach dem Übermenschen? Der „Deutsche“ ist etwas, das überwunden werden soll.

Nietzsche hat jede metaphysische Bezugsrichtung und Fundierung des Übermenschen zurückgewiesen. (Gott ist tot.) Gleichwohl steht sein „Übermensch“ für eine Erhöhung des Menschen, was sowohl im „deutschen Irrationalismus“ Anklang gefunden als auch der Nationalsozialistischen Ideologie genützt hat.8 Ist Nietzsche darum ein Faschist? War Nietzsches Kampf gegen das Christentum „aus seiner eigenen Christlichkeit“ erwachsen?9 Sollte an Nietzsches Wesen die Welt genesen?10 Dass das Dritte Reich mit seinem Führerkult stark religiöse Züge aufweist, steht außer Frage. Bis heute gilt der Führer als Sinnbild des Bösen, als „falscher Messias“, als „Antichrist“. Muss deswegen der Irrationalismus verteufelt werden? Seitdem der Nationalsozialismus das Ideengut der deutschen Geistesgeschichte mit ihren mythologischen Bildern, Elementen, Motiven beschlagnahmt und pervertiert hat, ist der „deutsche Geist“ in Verruf geraten und die Identität der „Deutschen“ gestört, wenn nicht zerstört.11 Bei der regelmäßigen Wiederkunft des Schnäuzers in den Leitmedien lässt sich der Eindruck gewinnen, die Abschreckung ist auch Alibi für die heimliche Bewunderung und Verehrung eines Barbaren mit Charisma aus Dominanz, Einfluss, Macht und Ungeheuerlichem. Anstatt periodisch schau- und schauerlustig auf die dunkle Epoche zu schielen und die Asche auszulesen, wäre es an der Zeit, das Geheimnis der Dichter und Denker zu lüften und zu erlösen.

Welchen Wesens ist der Mensch? Aus der Stellung zu dieser Frage steigt alles auf. Bis vor kurzem war der Mensch ein Vernunftwesen und sein Hirn der Vater aller Dinge, heute ist er ein metaphysisches Wesen, abhängig und von Ursprung und Natur umrahmt. […]
Sein Letztes war, sich der Natur experimentell zu nähern, über ihr seine eigentliche Welt aus Klammern und Zahlen zu errichten, in dieser Stunde nähert er sich ihr anschauend, empfangend, wieder in jener alten inneren Bereitschaft: Partizipation. Das alles sind Äußerungen tiefer anthropologischer Verwandlung.

– Gottfried Benn: Gesammelte Werke in vier Bänden. Bd. I. Wiesbaden: 1959-1961, S. 215f.

Was nach euch kommt, wird sich an andere Vorstellungen gewöhnen, es wird fremde Formen und einen andern Geschäfts- und Lebensgang annehmen; und wie lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche gesehen oder von ihnen gehört habe? […]
Ist in dem, was in diesen Reden dargelegt worden, Wahrheit, so seid unter allen neuren Völkern ihr es, in denen der Keim der menschlichen Vervollkommnung am entschiedensten liegt und denen der Vorschritt in der Entwicklung derselben aufgetragen ist. Gehet ihr in dieser eurer Wesenheit zugrunde, so gehet mit euch zugleich alle Hoffnung des gesamten Menschengeschlechts auf Rettung aus der Tiefe seiner Übel zugrunde.

– Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation. Eingeleitet von Rudolf Eucken. Leipzig: 1915, S. 254 und S. 267

Waren Fichte und Benn Nazis? Der Gottlieb und der Gottfried? Oder liegt tief in der „deutschen Seele“ versunken ein „Keim der menschlichen Vervollkommnung“ oder, wie Benn in seiner bis Sommer 1934 positiven Haltung zur Machtübernahme der Nationalsozialisten an Klaus Mann und die literarischen Emigranten bezeugt, eine unauslöschliche „Menschheitsvision“, „eine neue Version von der Geburt des Menschen“?12 Taucht dieser Archetyp zyklisch auf? Gibt es Interessen, Kräfte, Widerstände, welche die „anthropologische Verwandlung“ stets verhindern? Wie in einer Zange steckt „Schland“ ein- und abgeklemmt: Diesseitig durch das Dritte Reich mit seiner arischen Rassenlehre und dem Völkermord,13 jenseitig durch den leichtgläubigen Totenkult der römischen Kirche. Der „Deutsche“ ist etwas, das überwunden werden soll.14 Der „deutsche Geist“ ist eine Brücke ohne Ufer, ohne Verbindung, ohne Zusammenhang, ohne Anfang und Ende. Das „Deutsche Reich“ gleicht einem schwankenden Nachen mit der rothaarigen Germania als Numen. Die Fährfrau bleibt gesichtslos. Sie sieht in keine Richtung. Die deutsche Geistesgeschichte ist in Flammen aufgegangen.

Das „Reich“ wird von keiner Staatsgrenze beschränkt. Es ist nicht einmal teilidentisch mit der räumlichen Ausdehnung „deutscher“ Gebiete. Mit dem Deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik oder dem NS-Staat hat das „Deutsche Reich“ ausschließlich den Namen gemeinsam. Die Tragik besteht darin, dass viele Deutsches Reich und „Deutsches Reich“ verwechseln. Sie verwechseln Vergangenes und Ewiges, Schein und Wirklichkeit. Sie verwechseln politische Staatskonstrukte mit dem „Heiland“. So ist der „Deutsche Geist“ mangels Organisation nicht handlungsfähig. Deutsches Reich und „Deutsches Reich“ ist zugleich eine Aussage über das, was „sein soll“: die Einsenkung eines „Lichtreiches“ über „deutsche“ Länder und ins Weltgeschehen; die Erinnerung der „Deutschen“ an „ihre“ spirituelle Aufgabe. Ich bin I.CH. Ein Fehlen dieser Selbstfindung kann zur Selbstsucht und zum Willen zur Macht führen. Der „Heiland“ (das „Heilige Land“) ist zwar ständig anwesend, aber verschüttet, ohne Körper, ohne Zuhause, ohne Lebensraum. Das „Reich“ ist von dem an ein Nationalstaat gefesselten Bewusstsein aus ohne Wirklichkeit. Zugleich trägt und durchstrahlt es Deutschland. Der „Deutsche“ ist etwas, das überwunden werden soll.

Beim „Deutschen Reich“ geht es also um eine Neugeburt des Jetzigen, um ein Ringen des „Heilandes“. Das „Reich“ will gestaltet sein. Dazu musst du nicht mit deiner Abstammung eine deutsche Staatsangehörigkeit nachweisen. Geburtsurkunde und Lebenderklärung sind nicht wichtig. Bist du ein Zweimalgeborener? Welchen Platz nimmst du in der Weltenwende des 21. Jahrhunderts ein? Das ist entscheidend. Du selbst spannst den Bogen aus der Vergangenheit in die Zukunft. Deine Souveränität erwirbst du dir dadurch, dass du erkennst: Du bist ein Sternenbote aus einer lichteren Welt. Du bist ein Außerirdischer aus einer fernen, helleren und bewussteren Galaxis. Deine Mission ist es, der Erde und ihren Bewohnern bei ihrer Transformation zu helfen. Werde dir wieder bewusst, ein Kosmischer Mensch zu sein. Habe bitte die innerliche Bereitschaft, in Kontakt zu treten mit deinem metaphysischen Wesen, dem I.CH. Erst, wenn du den Vater aller Dinge, dein Hirn überwindest, wenn die Dichter und Denker eine Tiefen- und Höhenerfahrung erleben, wird die Menschheitsvision Wirklichkeit. Dann ist der „Deutsche“ überwunden. Wie lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche gesehen oder von ihnen gehört habe?

  • 1 Annika Leister, Margarethe Gallersdörfer, Andreas Kopietz: Geisel: Rund 38.000 Teilnehmer bei der Corona-Demo. In: Berliner Zeitung vom 29. August 2020
  • 2 Jost Müller-Neuhof: Kretschmann macht vertrauliche Treffen mit Journalisten öffentlich. In: Tagesspiegel vom 19. Februar 2021, Bernadette Conrads: Deutsche Medienaufsicht: Zensur-Welle gegen Corona-kritische Medien. In: Wochenblick vom 18. Februar 2021
  • 3 Sebastian Küster: Ausschreitungen am Querdenker-Wochenende: Wie gefährlich ist die linksextremistische Antifa in der Region? In: Südkurier vom 12. Oktober 2020
  • 4 Peter Hahne: Polizei entfremdet sich von der Bevölkerung. In: Tichys Einblick vom 15. Februar 2021
  • 5 Klaus Schwab und Thierry Malleret: COVID-19: The Great Reset. La Vergne: 2020, Heike Buchter: Die Davoser Gutmenschenverschwörung. In: Die Zeit vom 1. Februar 2021
  • 6 Axel Burkart: Spirituelles Wunder aus Deutschland? Vortrag auf YouTube und mit Vortragstext bei Akademie Zukunft Mensch
  • 7 Ebd.
  • 8 Georg Lukács: Von Nietzsche zu Hitler oder Der Irrationalismus und die deutsche Politik. Frankfurt am Main/Hamburg: 1966
  • 9 Karl Jaspers: Nietzsche und das Christentum. München: 1952, S. 7 und Ernst Bertram: Nietzsche. Versuch einer Mythologie. Berlin: 1918, S. 126
  • 10 Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in fünfzehn Bänden. Bd. 6. München: 1980, S. 330: „Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbestimmung der Menschheit vorzubereiten, einen großen Mittag, wo sie zurückschaut und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten Male als Ganzes stellt.“
  • 11 Jochen Kirchhoff: Nietzsche, Hitler und die Deutschen. Die Perversion des Neuen Zeitalters. Vom umerlösten Schatten des Dritten Reiches. Vorwort von Rudolf Bahro. Berlin: 1990, S. 25: „Sich existentiell als Deutscher auf Hitler und das durch ihn Ausgelöste einzulassen, ist ein schmerzhafter Prozeß. Auch hat Hitler, wie Sebastian Haffner mit Recht hervorhebt, langfristig keinem Volk mehr geschadet als dem deutschen. Das nahezu hoffnungslos gestörte Verhältnis der heutigen Deutschen zu sich selbst und zur eigenen Geschichte hängt damit zusammen.“, Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. München: 1978
  • 12 Vgl. Gottfried Benn: Gesammelte Werke in vier Bänden. Bd. 4. Wiesbaden: 1959-1961, S. 243: „Wollen Sie, Amateure der Zivilisation und Troubadoure des westlichen Fortschritts, endlich doch verstehen, es handelt sich hier gar nicht um Regierungsformen, sondern um eine neue Version von der Geburt des Menschen, vielleicht um eine alte, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse, wahrscheinlich eine der großartigsten Realisationen des Weltgeistes überhaupt, präludiert in jenem Hymnus Goethes ‚An die Natur‘, – und wollen Sie auch das noch in sich aufnehmen: über diese Vision entscheidet kein Erfolg, kein militärisches oder industrielles Resultat, wenn zehn Kriege aus dem Osten und aus dem Westen hereinbrächen, um diesen deutschen Menschen zu vernichten, und wenn zu Wasser und zu Lande die Apokalypse nahte, um seine Siegel zu zerbrechen, der Besitz dieser Menschheitsvision bliebe vorhanden …“
  • 13 Als Folge davon enthält die Charta der Vereinten Nationen nach wie vor eine Feindstaatenklausel (enemy states), die sich vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges auf Deutschland und Japan bezieht. Wenngleich diese mehrfach von offizieller Seite für obsolet erklärt wurde (1995, 2005), spricht eine deutsche Forderung nach einer Charta-Änderung zur Streichung der Feindstaatenklausel gegen die erwähnte Rechtsauffassung der Bundesregierung, dass die Feindstaatenklausel nicht mehr gelte. Vergleiche die Arbeit der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages vom 01. Oktober 2007.
  • 14 Wenn Wolfgang Schäuble bei der Bewerbung der Migration davon spricht, dass „die Abschottung doch das [ist], was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe“, haben wir es dann mit einer postmodernen „Rassenlehre“ zu tun, die den „Deutschen“ überwinden will? Siehe: Afrika wird unser Problem sein. In: Die Zeit vom 8. Juni 2016

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