In einem seiner Beiträge spricht der Anthroposoph Axel Burkart davon, dass die „Deutschen“ eine spirituelle Aufgabe haben. Sie sollen das ICH verwirklichen, das I.CH., den „Jesus Christus in mir“. Das sei gemeint, wenn am „deutschen Wesen die Welt genesen“ soll. Dabei ist das „Deutsche Reich“ kein Land, kein Staat, keine Nation, sondern eine geistige Heimat.1

Das Ich ist also eine Verheißung, eine frohe Botschaft, eine Gestalt, die noch werden will. Ich bin ein Sternenbote aus einer lichteren Welt. Die Initialen zeigen die Richtung an: Ich bin I.CH. Ich bin Jesus Christus, also bin ich. Ich bin das A und O. In der Selbstwahrnehmung ist eine Referenz für eine andere Wirklichkeit verborgen. Das Ich ist ein Tempel, der Geist Gottes wohnt im Ich.2 Meine Identität gibt Auskunft darüber, dass in mir das Bildnis Gottes angelegt ist. Ich habe einen göttlichen Ursprung und reiche wesenhaft bis ins Unendliche. Durch mich kann der Geist sich selbst erkennen. Erst im Erfassen dieser Ganzheitlichkeit ist die Würde des Menschen unantastbar.

Waren Augustin und Descartes „Deutsche“? Denn dass das Ich ein Selbstbewusstsein hat, weil im ICH das Bewusstsein des Selbst ist, findet sich bereits bei Augustin. Ebenso der Gedanke, dass mit einer Verwechslung und Beschränkung des Selbstverständnisses, das Wesentliche fehlt. Eine negative Folge davon ist die Selbstsuche und Selbstsucht.3 Dasselbe bei Descartes, der Philosoph, der radikal zwischen Geist und Materie unterschied: „Wie sollte ich sonst auch begreifen können, dass ich zweifle, dass ich etwas wünsche, d. i. daß mir etwas mangelt und ich nicht ganz vollkommen bin, wenn gar keine Vorstellung von einem vollkommeneren Wesen in mir wäre, womit ich mich vergleiche und so meine Mängel erkenne?“4 Unsere Ich-Zustände, unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere Empfindungen sind nach Descartes keine körperlichen Eigenschaften, sondern Ideen des Geistes (durch Lebensgeister an die Zirbeldrüse weitergeleitet).5 Paradoxerweise kommt er damit der heutigen Auffassung der Hirnforschung sehr nahe, dass unsere Wahrnehmung der Realität nur neuronale Reize, biologische Prozesse sind, wenngleich dort eine Verkehrung/Reduktion von Geist und Materie erfolgt.

Die Tragik des Menschen besteht darin, dass er fast unaufhörlich Ich und ICH verwechselt. Diese Verwechslung ist die Wurzel-Verwechslung, die Wurzel aller Verwechselungen. Indem du Ich und ICH verwechselst, verwechselst du Vorübergehendes und Ewiges, Schein und Wirklichkeit, das Kleine und das Große. Du verwechselst dich mit DIR. Du verwechselst die Materie mit dem Geist, die Stoffgestalt mit der Geistgestalt.
Ich bin der Andere bzw. Ich bin ICH. Das ist eine Aussage über die Verwechslung, eben des Niederen mit dem Höheren, aber zugleich eine solche über das, was „sein soll“: die anamnetische Einverleibung der Geistgestalt in den Stoff, in die Stoffgestalt. Die Stoffgestalt erinnert sich „ihrer“ Geistgestalt. Ich bin der Andere. Wenn diese Erinnerung völlig fehlt, ist die Geistgestalt zwar ständig anwesend, aber nur unbewusst, nur implizit, quasi ichlos. Sie ist von dem an die Materie gefesselten Bewusstsein aus ohne eigene Wirklichkeit. Geistgestalt ohne Stoffgestalt: das ist in dieser Sicht unmöglich.
Ich bin ICH/ich bin der Andere, das heißt, auf die Welt bezogen: Die Welt ist die Anderswelt. Auch hier wieder klingt der Doppelsinn an: die Verwechslung und das, was „sein soll“: In der Welt ist unaufhörlich die Anderswelt anwesend. Die Anderswelt trägt und durchstrahlt die Welt (=Sinnenwelt). Die Sinnenwelt ist niemals ohne die Anderswelt. Die Anderswelt ist die notwendige polare Ergänzung der Sinnenwelt. Das ICH ist die notwendige polare Ergänzung (und Fundierung) des Ichs.
Ich bin der Andere: Das ist die Wahrnehmung oder Bewusstwerdung des Größeren/Weiteren/Tieferen in mir und als ich. Der Andere wird damit nicht herabgezogen oder ins Materielle gebannt (um dann hier, wie im Materialismus, geleugnet zu werden), vielmehr wird das Materielle alchemistisch erhöht und gesteigert. Ich bin der Andere: Das übersteigt schon fast die menschliche Identität überhaupt. Denn auch dieser Andere, selbst wenn er als Eigentlicher/eigentlich Gemeinter auftritt, kann und wird nicht eine „Endstation“ sein. Es wird und muss einen weiteren/höheren Anderen geben hinter dem ICH. Das ICH ist das Über-Ich des Ichs. Die genannte nächsthöhere Gestalt wäre dann das Über-ICH des ICHs. Und so fort. Wo endet das?

– Jochen Kirchhoff: Die Anderswelt. Eine Annäherung an die Wirklichkeit. Klein Jasedow: 22002, S. 175

Eine Besonderheit der deutschen Sprache ist, dass das „Ich“ [ɪç] mit den Initialen I.CH. den „Christus“ anzeigt. Wenn ich „ich“ sage, von mir rede und mich meine, ist zugleich mein geistiges ICH angesprochen. Im Deutschen bin ich bewusst oder unbewusst mit dem Christus als kosmisches und überkosmisches Selbst im Einklang. In mehreren europäischen Sprachen ist zwar die Initiale „Jesus“ sichtbar, der „Christus“ (die Geistgestalt der Stoffgestalt Jesu) bleibt dagegen unmarkiert: „I“ [aɪ̯] im Englischen, „Je“ [ʃə] im Französischen, „Yo“ [jəʊ] im Spanischen, „Eu“ [e:ɔ] im Portugiesischen, „Io“ [ɪjɔ] im Italienischen, „Jeg“ [jɑɪ̯] im Dänischen und Norwegischen, „Jag“ [ja:] im Schwedischen, „Ja“ [ja:] im Polnischen, Slowakischen und „я“ [ja:] im Russischen oder „Jaz“ [ɪas] im Slowenischen.6 – Indes klingt im Niederländischen „Ik“ [ɪk] der „Kristos“ an.

Dass der Geist Gottes im Ich wohnt, ist in anderen europäischen Sprachen unsichtbar. Der kosmische Mensch, die Geistgestalt bleibt im Selbstverständnis zumeist ichlos. Dem Ich als Passepartout fehlt die Einpassung ans Meisterwerk: der innere Raum wird zur Leere. Vielleicht ist das mit ein Grund für die Annahme eines Ich ohne eigene Wirklichkeit, wie die Ansicht vieler Hirnforscher, es gäbe nicht ein Ich, sondern viele verschiedene Ich-Zustände. Dabei ließe sich die Frage: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?7 aus der Perspektive des höheren ICH entweder als einmalig begründen oder, wenn (wie bei einer Matrjoschka) eine nächsthöhere Gestalt eine tiefere, mehr manifeste umhüllt/enthüllt, als unendlich viele. Als Individuum ist der Mensch und sein Leben nicht nur einmalig, nicht austauschbar und ohne Alternative, sondern zugleich unteilbar mit Welt und Menschheit als Ganzes verwoben.

Verschiedene „Ich-Zustände“ werden auch in der Theosophie und Anthroposophie beschrieben. Man weiß dort um eine mehrgliedrige, siebenfältige Konstitution des Menschen und unterscheidet in (1) Physischer Leib, (2) Ätherischer Leib, (3) Empfindungs- oder Astralleib, (4) Verstandesseele oder Mentalleib sowie in die drei höheren Körper (5) Geistselbst, (6) Lebensgeist und (7) Geistmensch. Bei Rudolf Steiner ist das Ich der vierte Körper, der konstitutionell in der Mitte liegt. Ich vermittele zwischen Vorübergehendes und Ewiges. Der Mensch ist eine Gestalt zwischen Werden und Sein.8 Auf einen Zusammenhang zwischen Verstandesseele und Ich (ICH) weist auch die Enthauptung Johannes des Täufers hin oder die Kreuzigung Jesu auf der Schädelstätte Golgatha.9 Die Verstandesseele enthält ein Mysterium. Das Wort kann Licht werden. Am höchsten Scheitelpunkt, am Gipfelkreuz der Fontanelle endet jede Form.10 Die Krönung ist, wie die klassischen Philosophen zu erkennen, dass wir nichts wissen. „Selig sind, die da geistlich arm sind“ (Matthäus 5:3). Über unserem Kopf spannt sich ein unermesslicher Himmel, ein Reichtum der Schöpfung. Die Schöpfung ist nicht abgeschlossen. Du, als kosmisches Wesen, als Teil des Universums, gestaltest sie mit. An dieser Schwelle steht das Ich.

Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

– Matthäus 16:25

Wie kann diese Schwelle überschritten werden? Wie kann das Leben sein, das „sein soll“? Wie lautet als Außerirdischer und Zeitreisender deine Mission? Bisher galt: Indem du deine karmische Vergangenheit erfüllst, hast du zugleich deine Zukunft verwirklicht. Du bist der, der du warst und sein wirst. Jetzt stehen wir vor der Frage: Wer willst du sein? Es geht darum, das Alte hinter sich zu lassen, es geht um die Neugeburt des Jetzigen. Bist du bereit, dich und dein Wissen immer wieder infrage zu stellen? Deine Sicht auf das Leben? Hast du je gelebt? Oder hast du nur eine Rolle gespielt, die Rolle eines Mannes, die Rolle einer Frau, die Rolle einer mentalen Konstruktion? Bist du bereit, deinen Lebensentwurf ganz zu vergessen? Es macht keinen Unterschied, bestehende Glaubenssätze durch christliche zu ersetzen. Kannst du die Summe deiner Ich-Zustände, deiner Gedanken, deiner Gefühle, deiner Empfindungen, deiner Jahre, deiner Leben mit all ihrem Wert und ihrem Sinn aufgeben? Kannst du dein Leben loslassen? Hältst du als Raumfahrer diesen Zustand der Schwerelosigkeit aus?

Das neue Bewusstsein ist ein Bewusstsein der Stille, ein Bewusstsein der Leere, die potenziell die geistige Fülle trägt. Das neue Bewusstsein ist ein aktives und kreatives Bewusstsein. Es ist die Schöpfung selbst. Hey, Sternenbote aus einer lichteren Welt, bist du bereit, eine neue Erde zu erschaffen?

  • 1 Axel Burkart: Spirituelles Wunder aus Deutschland?  Vortrag auf YouTube und mit Vortragstext bei Akademie Zukunft Mensch
  • 2 „Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ 1. Korinther 3:16
  • 3 Vgl. Charles Taylor: Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Frankfurt a. M.: 21996, S. 256: „Nach Augustin ist aber nicht die Reflexität dasjenige, was böse ist. Im Gegenteil, es ist im Zustand der äußersten Selbst-Gegenwärtigkeit, das wir das Bild Gottes am deutlichsten sichtbar machen. Das Böse stellt sich ein, wenn sich diese Reflexivität in sich selbst abschließt.“
  • 4 René Descartes: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Übers. von Lüder Gäbe. Hamburg: 1959, III 24, S. 83
  • 5 Taylor, ebd., S. 293f. Zur Zirbeldrüse: René Descartes: Les Passions de l’âme. Paris: 1649, Articel 31, S. 26: „Qu’il y a une petite glande dans le cerveau en laquelle l’âme exerce ses fonctions plus particulièrement que dans les autres parties. Il est besoin aussi de savoir que bien que l’âme soit jointe à tout le corps, il y a néanmoins en lui quelque partie en laquelle elle exerce ses fonctions plus particulièrement qu’en toutes les autres. Et on croit communément que cette partie est le cerveau, ou peut-être le cur: Le cerveau, à cause que c’est à lui que se rapportent les organes des sens ; et le cur, à cause que c’est comme en lui qu’on sent les passions. Mais, en examinant la chose avec soin, il me semble avoir évidemment reconnu que la partie du corps en laquelle l’âme exerce immédiatement ses fonctions n’est nullement le cur, ni aussi tout le cerveau, mais seulement la plus intérieure de ses parties, qui est une certaine glande fort petite, située dans le milieu de sa substance, et tellement suspendue au-dessus du conduit par lequel les esprits de ses cavités antérieures ont communication avec ceux de la postérieure, que les moindres mouvements qui sont en elle peuvent beaucoup pour changer le cours de ces esprits, et réciproquement que les moindres changements qui arrivent au cours des esprits peuvent beaucoup pour changer les mouvements de cette glande.“
  • 6 Bemerkenswert ist, dass in einigen nordosteuropäischen Sprachen „Ich“ im Wortlaut dem deutschen „Ja“ [ja:] ähnelt. Ist es zu weit hergeholt, wenn das als Hinweis gedeutet werden kann, dass ich mich selbst erfülle, indem ich meine karmische Vergangenheit und mein Lebensschicksal bejahe?
  • 7 Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. München: 2007
  • 8 Vgl. Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriß. Leipzig: 1910, S. 428: „Wenn gesagt worden ist […], das «Ich» arbeite an den menschlichen Wesensgliedern, dem physischen Leib, dem Ätherleib und dem astralischen Leib, und gestalte diese in umgekehrter Folge um zu Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch, so bezieht sich dieses auf die Arbeit des Ich an der menschlichen Wesenheit durch die höchsten Fähigkeiten, mit deren Entwickelung erst im Laufe der Erdenzustände der Anfang gemacht worden ist.“
  • 9 „Und sie bringen ihn nach der Stätte Golgatha, was übersetzt ist: Schädelstätte.“ Markus 15:22 (Matthäus 27:33, Johannes 19:17)
  • 10 In östlichen Philosophien wird die Krone des Kopfes „Öffnung des Brahma“ (Brahmarandhra) genannt.

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