Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.

– Offenbarung Johannis 22:13

Zeit und Raum bedingen sich wechselseitig. Um von A nach O zu kommen, vergeht Zeit. Aus relativistischer Sicht sind weder Zeit noch Raum absolut, sondern miteinander verbunden. Man spricht hier von der Raumzeit als vierte Dimension, die sich als eine Aneinanderreihung von Ereignissen von jeweiligen Beobachtern denken und berechnen lässt.

Unser Denken ist dabei selbst ein Vorgang in Raum und Zeit. Gedanken kommen und gehen. Denken entwickelt sich mit der Sprache, die wir als Kind über Hören und Sprechen erst erwerben. Wir bringen unser Denken nicht aus einem vorgeburtlichen Leben mit. Vielmehr könnte es sein, dass beim Passieren des Geburtskanals unser Bewusstsein eingeengt wird und wir mit Eintritt in dieses Leben unseren kosmischen Ursprung und Auftrag vergessen.1 Warum das so ist, darüber lässt sich spekulieren. Vermutlich können wir als Außerirdische und Zeitreisende unsere Mission unbefangener erfüllen, wenn wir unsere karmische Vergangenheit einmal ausblenden. Erst in Todesnähe erweitert sich das Bewusstsein wieder und unser Leben kann im Zusammenhang gesehen und überblickt werden, wie viele Nahtod-Erfahrungen gezeigt haben.2 Oder sollte es besser heißen, das Bewusstsein sammelt sich von neuem? Werden wir konzentrierter, kontemplativer, ganz Gedächtnis? Denn mit dem Verlassen des Körpers, dem Verlust des Raumes wechselt zugleich die Erfahrung von Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen, sie können synchron erlebt werden.3 Vor diesem Hintergrund hat der Ausspruch des Paulus: „Ich sterbe täglich“ aus dem 1. Korinther 15:31 eine bewusstseinsvertiefende Bedeutung.

Auf phosphorgrünen Nervenbahnen rutscht es sich sympathisch. 
Blaue Träume winken. Licht! an einer Wegegabel.
O, welch Denkmal macht mich da erzittern:
Honigpumpe, documenta Siebensiebzig?
Ja, in jedem Menschen wirkt ein Künstler ...
Aus der Zirbeldrüse strömt Genie.
Das goldne Feuer des Olymp entflammt mir jetzt
das Tüpfelchen des i, belebt der toten Type Kopf.
Wie heiter ist die Lebensschau!
Im Geiste bade ich und geistreich bin ich selber.
Ewig gibt das Innenleben sich Gestalt.
Ja, ich bin ich und lern mich kennen
auf dem Weg mir selber zu.
Der Anfang und das Ende liegen in mir selbst:
der Lebensanfang wie zum Schluss der Tod,
dazwischen weile ich im L-ICH-T.
Ist Wachs das Fleisch und kurz des Rückenmarkes Docht,
aus Körperwärme strahlt das Mein.
Die Welt, sie wallt im Herzen,
dreht sich dort als Herzkreislauf. Und Schlag für Schlag ein Erdenbeben ... (2007)

Du bist das A und O, der Anfang und das Ende. Jedes Leben ist eine Brücke zwischen Geburt und Tod. Du selbst spannst den Bogen aus der Vergangenheit in die Zukunft. Es gibt keine Trennung zwischen A und O, zwischen Anfang und Ende, du selber bist die Verbindung. Der Weg ist Start und Ziel. Jeder Anfang hat ein Ende, jedes Ende einen Anfang. Alles ist eins. Ob Kleinkind, Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter,– du bist das, was du warst und sein wirst. Du bist eine Zeitkrümmung. Als Zeitreisender erlebst du eine Aneinanderreihung von Augenblicken, von Stunden, von Tagen, von Jahren, von Lebensstufen, von Biographien, weil du die Ver­ge­gen­wär­ti­gung bist. Du bist Schauplatz und Akteur. Du bist der, der den vielen Ich-Zuständen ihre Gestalt gibt. Du übst aus, handelst und trägst Ereignisse in den Raum. Du bist nicht die einzelnen Ereignisse, sondern die Verbindung zwischen Ereignis und Ausgestaltung. Manchmal bist du Ursache und Wirkung. Aber auf deiner Lebensreise bist du immer du selbst.

Wie könnte es anders sein? Sagen wir: Du bist nicht der, der du einmal warst. Ein Kind ist kein Kleinkind, ein Jugendlicher kein Kind, ein Erwachsener kein Jugendlicher. Du bist nicht das, was du geworden bist, sondern das, was noch werden will. Du bist nichts statisches. Du wächst, alterst, machst Erfahrungen. Deine Meinungen, Einstellungen, Arbeitsverhältnisse, Freundschaften und Paarbeziehungen wechseln. Leben heißt Veränderung. Leben ist Verwandlung. Umbrüche gehören zu einer Höherentwicklung dazu.

Aber wenn alles nur eine Aneinanderreihung von abgeschlossenen Ereignissen ist, wie kann es dann eine Höherentwicklung geben? Schließt nicht das Kind die Erlebnisse des Kleinkindes ein, der Jugendliche die von Kind und Kleinkind? Sind beim Erwachsenen die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend ausgelöscht? Und umgekehrt: Sind nicht der Erwachsene, Jugendliche und das Kind im Kleinkind bereits angelegt? Wie könnten wir das sein, was noch werden will, wenn wir nicht einmal das sind, was wir waren? Wie sollte eine Zukunft im Gefühl des Getrenntseins aussehen? Es gäbe dann keinen roten Lebensfaden und keine Biographie. Du kannst nicht wachsen, altern, Erfahrungen machen, dich verändern, wenn es keine Konstante in dir gibt, auf die sich die Verwandlungen beziehen. Es fehlte deine Gegenwärtigkeit. Dein Leben wäre eine Ansammlung von Zufällen und nicht das Ergebnis deiner Jahre, Tage und Stunden.

Du bist das A und I, Äußerung und Innerlichkeit. Jedes Leben ist ein Austausch zwischen Außenwelt und Ich. Dein Leben ist eine Brücke zwischen Außen und Innen. Es gibt keine Trennung, du selber verbindest den Außenraum mit deinem Inneren. Als Beziehungswesen korrespondieren wir mit Welt, Menschheit und Kosmos. Wir stehen mit der Welt und dem uns umgebenden Raum in einem permanenten Dialog, bei jeder Ein- und Ausatmung, bei jeder Nahrungsaufnahme und -ausscheidung, beim Trinken, beim Schwitzen usw. Das alles ist „leibliche Kommunikation“.4 Wenn du deine Gedanken aussprichst, kehren sie beim Hören zurück in deinen Kopf. Du übst nicht nur aus, handelst und trägst Ereignisse in den Raum, sondern die einzelnen Ereignisse wirken auf dich zurück. Sie werden Erinnerung. Was in der Welt vor sich geht, wird ein Teil von dir. Du kannst dich innerlich im äußeren Tun erkennen.

Strenggenommen ist die Trennung von Außenraum und Innenraum unzulänglich. Kann denn Raum, wie immer vorgestellt oder erlebt, jemals außen sein? Raum ist immer innen, ist immer „Erlebnisraum“, andernfalls er eine abstrakte Konstruktion wäre.

– Jochen Kirchhoff: Die Anderswelt. Eine Annäherung an die Wirklichkeit. Klein Jasedow: 22002, S. 23

Was ist außen, was innen? Ist es nicht so, dass wir die Außenwelt in unserer Innenperspektive wahrnehmen? Und welchen Raum nimmt unser Innenleben ein? Ist er auf unseren Körper begrenzt, auf den wir nur von außen blicken können? Oder geht unser Innenleben weit über unseren Körper hinaus, wenn wir spüren, dass uns jemand anschaut oder an uns denkt? Haben nicht viele diese Art der Out-of-body-Erfahrung? Und machen uns unsere Sinnesorgane nicht darauf aufmerksam, dass wir mit ihnen Distanzen überbrücken können, z.B. wenn wir in den Himmel schauen und die Sterne sehen, selbst wenn diese längst erloschen sind?

Es gibt keine Trennung zwischen A und O, zwischen Anfang und Ende. Der Kosmische Mensch steht im Anfang, du am Ende. Ihr seid miteinander verbunden. Er ist in dir, du bist in ihm. Ihr seid eins. Es gibt keine Trennung zwischen Außen und Innen. Wenn du deine persönliche Innerlichkeit überschreiten kannst und du im Kontakt mit deiner innersten kosmischen Gestalt eine Tiefen- und Höhenerfahrung erlebst, wird deine persönliche Innerlichkeit äußerlich, fast körperlich. Eine Ausdehnung in den kosmischen Raum bedeutet zugleich eine Vertiefung in den Innenraum. Als Kosmischer Mensch reichst du wesenhaft bis ins Unendliche und wurzelst zugleich im Mittelpunkt ohne jede Ausdehnung. Wo der Raum unendlich wird, gibt es weder Anfang noch Ende, weder einen Mittelpunkt noch eine Peripherie. Alles ist Anfang und Ende. Alles kann Mittelpunkt, alles Dimension sein.

Der Kosmische Mensch ist das A und O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte. Zugleich ist er das alles nicht. Da er weder Zeit noch Raum ist, kann der Kosmische Mensch nicht das A und O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte sein. Das bist du als Zeitreisender.

  • 1 Anne und Daniel Meurois-Givaudan: Die neun Schritte ins Leben. Der Initiationsweg zur Geburt. Aus dem Französischen von Peter Schmidt. München: 1993
  • 2 Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtod-Erfahrung. Düsseldorf: 2009
  • 3 Scott M. Taylor: Near-Death Experience: Discovering and Living in Unity. Diss. Abstracts International, 63 (09), 3246A. UMI-Nr. 764829341, S. 73, 137 oder 140
  • 4 Hermann Schmitz: Der Leib, der Raum und die Gefühle. Bielefeld: 32015, S. 43 ff.
Kategorie: Zeit und Ewigkeit

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