Mit leisem Gewicht und Gegengewicht wägt sich die Natur hin und her, und so entsteht ein Hüben und Drüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und Hernach, wodurch alle die Erscheinungen bedingt werden, die uns im Raum und in der Zeit entgegentreten.

– Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Hrsg. von Karl Richter u.a. Bd. 10, München: 1985ff., S. 10

Treue Beobachter der Natur, wenn sie auch sonst noch so verschieden denken, werden doch darin mit einander übereinkommen, daß alles, was erscheinen, was uns als ein Phänomen begegnen solle, müsse entweder eine ursprüngliche Entzweiung, die einer Vereinigung fähig ist, oder eine ursprüngliche Einheit, die zur Entzweiung gelangen könne, andeuten, und sich auf eine solche Weise darstellen. Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur; dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind.

– Ebd., S. 222 (§739)

Die Welt ist polar. Alles offenbart sich in Paaren: Nord- und Südpol, Tag und Nacht, Licht und Schatten, Wachen und Schlafen, Ebbe, Flut, Einatmen, Ausatmen, Geburt und Tod. Wir sind Zweibeiner. Unser Körper besteht aus doppelten Hälften. Arm, Hand, Fuß, Brust, Auge, Ohr, Lunge, Niere, alles kommt paarweise vor wie linke und rechte Gehirnhälfte oder Ober- und Unterkiefer. Selbst das Herz hat linke und rechte Kammern, der Mund zwei Lippen, die Nase zwei Löcher. Doch wir haben ein Geschlecht. Welches?

Vor Kurzem noch bestimmten unsere Chromosomen über unser Geschlecht. Wir lernten in der Schule: Frauen tragen zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Hoden oder Ovarien? Heute ist auch die Biologie nur ein „spezifisches Kulturphänomen“.1 Das Geschlecht wird zum eigenen Lebensentwurf.

Bist du männlich, weiblich, divers? Bist du androgyn, bigender, cross, inter, trans, xy? Wir leben in einer Zeit der Transformation, einer Transformation der Geschlechter. Die Natur wägt sich mit zusätzlichem Gewicht und Gegengewicht hin und her, es entsteht ein Drunter und Drüber. Was genau gilt als gendergerecht?

Niemand darf wegen seines Geschlechtes benachteiligt oder bevorzugt werden. Bin ich mit einer heterosexuellen Orientierung noch up to date? Als Vater? Als Elter 1? Gerate ich ins Abseits? Ich fühle mich bei Elter 1 kastriert. Was meinen Leser:innen?

Wie werden die diversen Geschlechter sprachlich markiert? Denn beim Gender-Doppelpunkt sind sie benachteiligt. (Dasselbe gilt für andere Sichtbarmachungen wie Schrägstrich mit Auslassungsstrich, Einklammerung, Binnen-I, Gender-Gap oder Doppelnennung.) Geht bei einem Wortwechsel ins Sächliche von Leser:innen zu „Lesende“, „Lesepublikum“, „Leserschaft“2 die Geschlechtsidentität nicht verloren? Werden nicht durch die Geschlechtslosigkeit alle Geschlechter gleichermaßen benachteiligt? Ist die gleiche Benachteiligung für alle gendergerecht? Oder überwinden wir an der Stelle die Diakrisis der Sichtbarmachung, das Geeinte zu entzweien? Stellt sich bei einer Versachlichung eine Synkrisis ein, eine Vereinigung der Geschlechter? Kaum Genus, kaum Genuss. Eine Versachlichung klingt unsexy, klingt mehr nach Rolle rückwärts. Denn warum ist ein neutraler Begriff wie „Leserschaft“ nicht wie „Leser“ als generisches Maskulinum sprachkritisch feminisiert worden? Warum heißt es nicht Leser- und Leserinnenschaft? Ohnehin haben grammatisches und natürliches Geschlecht wenig miteinander zu tun:

Das Genus in den indoeuropäischen Sprachen ist entstanden durch Zweiteilung in Bezeichnungen für Belebtes (später Maskulinum) und Unbelebtes (später Neutrum). Das Femininum kam als drittes Genus hinzu und spezialisierte sich auf Kollektiva und Abstrakta. Mit dem natürlichen Geschlecht weiblich hatte es nichts zu tun, und dabei ist es bis heute im Wesentlichen geblieben.

– Peter Eisenberg: Das missbrauchte Geschlecht. In: Süddeutsche Zeitung vom 2. März 2017

Ein Drunter und Drüber scheint dem Geschlecht anzuhaften. Geschlecht, der Name verheißt schon nichts Gutes. Er ist schambesetzt, wie die Benennungen „Schamhaare“ oder „Schamlippen“ zeigen. Das Geschlecht ist ein spezifisches Kulturphänomen des Sündhaften. Das Dionysische macht den apollonischen Köpfen Angst. Die triebhafte Natur lässt sich schlecht kontrollieren. Dann muss ersatzweise die Sprache herhalten. Vielleicht ist ja der Kehlkopf das Doppel zum Geschlecht? Dafür würde ein Stimmwechsel in der Pubertät sprechen. Und im 18. Jahrhundert wurde der Adamsapfel mit Halstüchern modisch kaschiert, seine Blöße galt als anrüchig.

Entsetzlich sind die Bilder des ergrauten Zerebrums.

Gedankentriebe flammen marsischrot.

Wie Teufelszwirn umgarnen sie das aufgeklärte Haupt.

Wohin in diesem Dämmergarten?

Dieser neue Wein befällt von A bis Z die ungerechten Furchen.

O! Apollo überspannt den Silberbogen.

Kainisch will er seinen Bruder morden ...

Schon gerinnt die tiefe Purpurstimme
und erblüht der Boden zum Altar.

Der Sexualtrieb treibt uns aus unserer Vereinsamung in die Zweisamkeit, in die Polarität: Anziehung und Abstoßung, Nähe und Distanz, Drunter und Drüber, rein, raus. Ich liebe dich (ich:libido). Eros, diese kosmische Kraft, lässt sich schlecht beherrschen. Hingabe oder Abhängigkeit?

Du hast bloß ein Geschlecht. Du kannst vor deiner Sexualität nicht fliehen. Du musst dich in Gänze in dieses Leben hineinwerfen und die Zuschauerrolle aufgeben, dich verbinden, dich vermischen, wirklich irdisch und Fleisch werden. Eros lässt dich die zweite Hälfte suchen. Im erotischen Begehren, das auf Vereinigung abzielt, äußert sich die Sehnsucht nach der verlorenen Ganzheit. Für viele bedeutet die körperliche Vereinigung die Überwindung des Getrenntseins.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

– Platon: Das Gastmahl. Sämtliche Werke. Band 1. Berlin: 1940, S. 682

Niemand darf wegen seines Geschlechtes benachteiligt oder bevorzugt werden. Aber auf der Suche nach der zweiten Häfte sind wir wählerisch. Wegen unseres Geschlechtes benachteiligen und bevorzugen wir andere. Ich lieb dich nicht. Du liebst mich nicht. Aha. Mit der Zeit verschwindet das intensive Erlebnis der Vereinigung. Es kommt zu weiteren Liebesbeziehungen. Dabei wird die Würde des Menschen oft angekratzt. Liebe erlaubt jedem, auf seine Weise zu wachsen. Sind wir immer liebevoll? Synkrisis und Diakrisis. Über die Jahre fragst du dich: Ist meine Beziehung noch eine Beziehung? Ist meine Ehe noch eine Ehe? Ich dachte, ich hätte mein Leben gelebt, aber habe ich wirklich gelebt? Oder habe ich nur eine Rolle gespielt, die Rolle eines Mannes, die Rolle einer Frau, die Rolle meines Geschlechtes?

Was tust du, um dich nicht zu entfremden, vor dir selbst und vor deinem Partner? Oft versagt die Sprache. Es ist leicht über etwas zu reden, schwer von sich zu sprechen. Macht eine geschlechtergerechtere Sprache die Sache einfacher? Wird Sprache durch neue Normvorstellungen reichhaltiger?

In einer Zeit der Überflutung durch pausenlos tönende Massenmedien steigt Skepsis gegenüber Worten. Wie wir mit ihnen die Wahrheit sagen können, so können wir auch mit ihnen lügen. Der Boom bei Angeboten, die Beziehungen körpernah und ohne Worte neu zu erfahren, ist eine deutliche Antwort darauf. Sicher ist Sprache nicht alles, aber ebenso sicher ist ohne Sprache alles nichts. Daß wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen.

– Michael Lukas Moeller: Die Wahrheit beginnt zu zweit. Das Paar im Gespräch. Hamburg: 242005, S. 17f.

Du bist mehr als eine soziale Konstruktion. Du bist mehr als ein Lebensentwurf. Du bist nicht auf deinen Körper begrenzt. Du bist mehr als deine Chromosomen, mehr als dein Geschlecht. Wegen deiner kosmischen Herkunft bist du mehr als eine Erscheinung in der Welt. Aber wie kannst du dir bewusst werden, ein Kosmischer Mensch zu sein, wenn du dich nicht mal mit deinem Geschlecht und mit dir selbst identifizierst? Du bist die zweite Hälfte des Kosmischen Menschen.

Der Kosmische Mensch ist weder männlich noch weiblich, noch ist er unmännlich und unweiblich. Er ist in der Wahl seines Geschlechtes sehr eigen. Er ist sowohl androgyn, ein Hermaphrodit, Two-Spirit als auch nichts davon. Er ist zugleich genderfluid, bigender, neutrois und agender. Er verbindet und vereinigt die Geschlechter und löst sie auf. Weder ist er sexuell, noch asexuell. Er kann omnisexuell sein und frei vom anderen Geschlecht. Er ist omnipotent: Der Kosmische Mensch zeugt und gebiert sich selbst.

Die Würde des Kosmischen Menschen ist unantastbar, weil er aus einer höheren und helleren Galaxis kommt. Er ist die alte Natur.

1 Regine Gildemeister: Soziale Konstruktion von Geschlecht: „Doing gender“. In: Sylvia Marlene Wilz (Hrsg.) Geschlechterdifferenzen — Geschlechterdifferenzierungen. Wiesbaden: 2008
2 Vgl. beispielhaft: geschicktgendern.de

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KOSMISCHER MENSCH