Ein Gedicht ist mehr als die Summe seiner Verse. Ein Vers ist mehr als die Summe seiner Wörter. Ein Wort ist mehr als die Summe seiner Buchstaben. Das Ganze ist immer eine Höherentwicklung durch ein kooperatives Zusammenspiel seiner Teile. Das Ganze beinhaltet auf den jeweiligen Ebenen eine bestimmte Ordnung, auf der höheren Ebene entsteht eine Aufwertung:

Da sind zunächst Buchstabenkombinationen, die als Worte einen Sinn ergeben, der den einzelnen Buchstaben nicht anhaftet. Das heißt, ich entdecke einen neuen Wert, eine neue Information. Wenn ich die Worte hintereinander setze, bekomme ich einen Satz, der einen neuen Sinn gebiert, und die Sätze ergeben zusammen eine Strophe mit weiterer Sinnbereicherung. Insgesamt wird das Gedicht zu einem nicht-zerlegbaren Ganzen, bei dem erst das Ende den Anfang ganz verständlich werden lässt.

– Hans-Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik. Gedanken über die Einheit des Lebens. Amerang: 72013, S. 75

Du bist mehr als die Summe deiner Körperteile, deiner Organe, deiner Ich-Zustände, deiner Gedanken, deiner Gefühle, deiner Empfindungen, deiner Jahre, deiner Leben. Mögen sie für sich genommen alle ihren Wert und ihren Sinn haben und dank dir aufgewertet werden, – du bist mehr.

Vielleicht spürst du eine Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen. Du erkennst, dass Aliens in Politik, Wirtschaft und Medien uns auf einen ganz gefährlichen Pfad der Selbstvernichtung geführt haben. Zugleich zerbrechen überkommene Strukturen. Traditionen, Sitten und Gebräuche lösen sich auf. Werte verändern sich in rasantem Tempo und büßen ihre Geltung ein. Aliens verlieren ihre Bedeutung und Autorität. Welchen Platz nimmst du in der Weltenwende des 21. Jahrhunderts ein?

Eine Höherentwicklung lässt sich nur in einem kooperativen Zusammenspiel verwirklichen. Aber es reicht nicht aus, eine Fussballmannschaft oder eine neue Partei zu gründen. Wenn du dir die Parlamente anschaust, stellst du fest, dass der Grundsatz, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, nicht gilt. Denn teile und herrsche ist das Gegenteil von Kooperation. Parlamente sind nicht mehr als die Summe ihrer Parteien. Und Parteien sind nicht mehr als die Summe ihrer Mitglieder. Es stellt sich kein neues Ganzes ein. Wirtschaftlich mag es für einige wenige zu einer Bereicherung kommen, aber aufgrund der jeweiligen Geschäftsinteressen fehlt die höhere Entwicklungsstufe. Das musste auch Joseph Beuys bei der Begründung der Partei die Grünen erfahren, dass die Soziale Plastik auf diesem Weg nicht funktioniert.

Vielfalt ist ein schöner Begriff. Aber oft ist da, wo Vielfalt draufsteht, Einfalt drin. Es werden offene Grenzen proklamiert, aber um mein Territorium der Themensetzung und Programmatik abzusichern, wird gegen Andersdenkende aufs Schärfste geschossen. Abschottung. Sind nun Meinungsfreiheit sowie politische und kulturelle Vielfalt erwünscht? Auch fremde Auffassungen haben ihren Platz. Das Leben ist weder links, mittig oder rechts, noch ist es nicht links, mittig oder rechts. Das Leben ist mehr. Es ist unendlich reichhaltig.

Was für Parlamente und Parteien gilt, kannst du erweitern auf Gewerkschaften, Verbände, Vereine, Verwaltungen, Religionen, Logen, Gemeinden. Ihnen fehlt eine Steigerung, die den einzelnen Mitgliedern nicht anhaftet. Das liegt an ihrer Struktur. Gerade religiöse oder spirituelle Gemeinschaften mit einem hohen ethischen Anspruch scheitern oft an sich selbst. Eine wie auch immer geartete Ideologie, und sei es noch das Streben nach Wahrheit, verhindert eine Höherentwicklung. Ihre Mitglieder gleichen vielfach dem Krieger, der vergessen hat, dass er seine Perle, die er überall sucht, auf der Stirn trägt. Er könnte die ganze Welt durcheilen und würde sie doch nicht finden. Würde aber jemand, der Bescheid wüsste, seinen Irrtum aufklären, er würde sogleich erfassen, dass die Perle die ganze Zeit bei ihm war.

Ein Versuch wäre es wert, dass die verschiedenen Religionen und spirituellen Gruppen in einem neuen Ganzen aufgehen, ohne dabei ihre jeweilige Identität zu verlieren. Juden neben Christen, Muslime, Hindus und Buddhisten, alle eins, auf der Suche nach einem höheren Ziel, alle bereit, gemeinsam über sich hinauszuwachsen. Die Summe aller Religionen könnte im Zusammenspiel eine Weltreligion erschaffen, die eine höhere Entwicklungsstufe ausweist. Wenn aber eine Religion meint, sie sei die eine wesentliche, der sich alle anderen unterordnen müssen, findet eine Verletzung des Lebensprinzipes statt. Dann werden alle tragenden Beine gewaltsam zusammengebunden, infolge alle gemeinsam stolpern und fallen.1

2018 hatte ich die Gelegenheit, an einer mehrtägigen Hochzeitsfeier teilzunehmen, deren Gäste unterschiedliche spirituelle Hintergründe hatten. Freitagabend fand eine schamanische Vermählung statt, Samstagmorgen eine kirchliche Trauung. Die Anwesenden – Schamaninnen, Yogis, Rosenkreuzer, Katholiken, Musiker und Künstler, Badener, Bayern, Berliner, Württemberger, Westfalen, Österreicher, Schweizer – brachten sich alle persönlich ein, mit ihrer jeweiligen Identität, die, o Wunder, sich von den anderen im Kern gar nicht unterschied! Die Feier wurde zu einem wirklichen Fest. Die Hochzeit war mehr als eine Eheschließung. Sie war eine Sternstunde. Die Liebe des Brautpaares vervielfachte sich. Die Höherentwicklung zu erleben, war eine eindrückliche Erfahrung.

Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist, als die es schufen.

– Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Band 1, Chemnitz: 1883, S. 100
  • 1 Vgl. Hans-Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik. Gedanken über die Einheit des Lebens. Amerang: 72013, S. 75
Kategorie: Allgemein

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