Wie der Mönch am Meeere steht der Mensch. Es dröööhnt sein Kopf ... 

Im Wechselspiel von Ebbe, Fluuut umspült Gedankenfluss das Hirnatoll.

Mit jedem Aaatemwehen geben Nymphenrufe aus dem Rückenmark 
zu deeenken.
O der Schööönheit Sein im Denken schimmert. 

Seufzend sinkt Narziss vergeeeblich in Betrachtung. 

Patmos, diese schiiiefergraue Insel, wiegt ihm schweeer. 

Doch der Gedanke misst drei Pfund, drei Zeichen ist er leicht, 

auf dem er schweeebt ... ein Ich zu haben, Ich zu sein! 

Die ruuuhelosen I und C und H versprechen viel, verschwimmen wiiieder. 

Schleichend wird der Kortex ausgehöööhlt, ja aufgefaltet,

bis der Kopf ... zerbrochen ist.
Am Ende geeeht der Geist in kühler Überlegung unter.
Den Verstand, den er begreifen wollte, hat er nun verloooren.

Unbemerkt entschläääft das Menschenbild. 

Gewaltig zieht die schwarze See des Unbewussten es zu Gruuunde,

wo ein tiefrer Lebenssinn verbooorgen liegt. (2008)

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Der Buchtitel von Richard David Precht drückt unser Dilemma aus. Wenngleich der Titel hier die verschiedenen Ich-Zustände meint, welche die Wissenschaft beschreibt:

Viele Hirnforscher neigen dabei der Ansicht zu, dass es nicht ein Ich gibt, sondern viele verschiedene Ich-Zustände: mein Körper-Ich sorgt dafür, dass ich weiß, dass der Körper, mit dem ich lebe, tatsächlich mein eigener Körper ist; mein Verortungs-Ich sagt mir, wo ich gerade bin; mein perpektivisches Ich vermittelt mir, dass ich der Mittelpunkt der von mir erfahrenen Welt bin; mein Ich als Erlebnissubjekt sagt mir, dass meine Sinneseindrücke und Gefühle tatsächlich meine eigenen sind und nicht etwa die von anderen; mein Autorschafts- und Kontroll-Ich macht mir klar, dass ich derjenige bin, der meine Gedanken und meine Handlungen zu verantworten hat, mein autobiografisches Ich sorgt dafür, dass ich nicht aus meinem eigenen Film falle, dass ich mich durchgängig als ein und derselbe erlebe; mein selbstreflexives Ich ermöglicht mir, über mich selbst nachzudenken und das psychologische Spiel von »I« und »Me« zu spielen; das moralische Ich schließlich bildet so etwas wie mein Gewissen, das mir sagt, was gut und was schlecht ist.

– Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. München: 2007, S. 69

Dummerweise kommt es immer zu einem Zirkelschluss, wenn das (selbstreflexive) Ich versucht, das Ich zu beschreiben. In der Neurowissenschaft wird das dann besonders bizarr, wenn „das phänomenale Erleben aus der Erste-Person-Perspektive und das Erscheinen eines bewussten Selbst komplexe Formen von virtueller Realität sind.“1 Wenn das Ich als Simulation verortet wird, werden die verschiedenen Ich-Zustände fragwürdig. Wozu ein moralisches Ich, wenn es in einer gedanklichen Blase lebt, die es selbst ist? Dann ist das ganze Ich ein Spiel und die vielen Ich-Zustände sind nur die Kandidaten. Es würde erklären, warum sich so viele nur um sich selber drehen, warum jeder glaubt, dass er mit seiner Meinung mehr weiß, als alle anderen. Aber alles wäre Maya, eine universelle Täuschung und Macht der Verblendung. Wie heißt es schon bei Augustinus: Ich irre mich, also bin ich?2

Das Ich ist nicht hintergehbar […]. Das Ich ist Schauplatz und Akteur, und es ist beinahe unerheblich, wie man nun ideologisch oder weltanschauungsmäßig zu ihm steht. Durch es hindurchschlüpfen kann man nicht. Ich kann nicht durch mich hindurchschlüpfen, mich nicht mit einem wie immer gearteten Trick aushebeln.

– Jochen Kirchhoff: Das kosmische Band. Der Mensch und seine Bedeutung für das Ganze. Klein Jasedow: 2010, S. 49

Hinzukommt, dass unser Denken ein zeiträumlicher Vorgang ist.3 Gedanken kommen und gehen. Wie schnell vergeht die empirische Zeit im Vergleich zum besinnlichen Zeitstrom des Denkens? Wie schnell gerät etwas in Vergessenheit? Trotz Zeitmessung und Einteilung in Stunden, Minuten und Sekunden … die Zeit gibt es nicht, nur verschiedene Zeit-Zustände und -Qualitäten. Zeit und Ich hängen auf die eine oder andere Weise zusammen. Welchen Zeitraum, welche Raumzeit hat das selbstreflexive Ich?

Wer bist du und wenn ja, wie viele? Bist du erst ganz du selbst in der Summe deiner Teile? Was willst du, wen musst du integrieren, um ganz du selbst zu sein? Reicht es aus, deine verschiedenen Ich-Zustände einzubeziehen? Oder hast du als Außerirdischer und Zeitreisender auch ein karmisches Erbe, das du zu verwalten hast und das zur Erfüllung deiner Mission gehört? Gehört es zu deiner Aufgabe, auf deiner Lebensreise wie die Göttin Isis die verlorenen Körperteile eines jenseitigen Göttergatten einzusammeln und zusammenzusetzen?

Indem du jetzt deine karmische Vergangenheit erfüllst, hast du zugleich deine Zukunft verwirklicht. Du bist der, der du warst und sein wirst. Es entsteht eine Zeitkrümmung. Deswegen gerät unser Denken, das sich in dieser polaren Naturordnung entwickelt hat mit ihrem „Hüben und Drüben“, „Oben und Unten“, „Zuvor und Hernach“4 schnell ins Straucheln. Unsere Sprache versagt, wenn wir uns als Kosmische Menschen verstehen wollen, die über das Zeitliche hinausweisen.

  • 1 Thomas Metzinger: Der EGO-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. München/Berlin/Zürich: 12014, S. 162
  • 2 Augustinus: Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat (De civitate dei ), XI, 26: „Si enim fallor, sum. Nam qui non est, utique nec falli potest. Ac per hoc sum, si fallor. Quia ergo sum, si fallor, quomodo esse me fallor, quando certum est me esse, si fallor?“
  • 3 Krishnamurti: Das Netz der Gedanken. Reden in Saanen 1981. Hopferau-Heimen: 1983, S. 23ff.
  • 4 Karl Richter u.a. (Hrsg.): Goethe. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Band 10. München: 1985 ff., S. 10

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KOSMISCHER MENSCH