Verschwörungstheorien

Pentagon | Bild von WikiImages auf Pixabay

Magst du Verschwörungstheorien? Ich liebe sie. Denn sie sorgen dafür, dass wir unser Weltbild immer wieder hinterfragen müssen und nichts als gegeben hinnehmen. Wenn schon das Erscheinen eines bewussten Selbst komplexe Formen von virtueller Realität sind und das Ich in der Neurowissenschaft als Simulation verortet wird,1 können wir auch davon ausgehen, dass die vielen Weltbilder, die diese simulierten Ichs produzieren, schlech­ter­dings eine große Simulation darstellen.

Aber ein bewusstes Selbst als komplexe Form von virtueller Realität läuft per definitionem auf einen Solipsismus hinaus, sodass es schwierig bis unmöglich wird, die Grenze der eignen Meinung und Eigenart zu übersteigen.

Der Anfang aller Philosophie ist das Staunen.2 Wenn wir nicht wie die klassischen Philosophen bereit sind, zu erkennen, dass wir nichts wissen, wenn wir immer Antworten haben und keine Fragen mehr stellen, leben wir in einem Sammelsurium politisierter Narrative, was wir derzeit beobachten können. Bei der Schnelllebigkeit der digital gesteuerten Aufmerksamkeiten durch Hashtags, Shitstorms und Online-Petitionen ist zwar die Erregungskurve hoch, dafür sind die Debatten flach.3 Verschwörungstheorien fordern uns heraus, selber zu denken.

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist dem ehemaligen deutschen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maassen zufolge „von bestimmten ausländischen Geheimdiensten erfunden und verwendet worden, um politische Gegner zu diskreditieren.“4 Der Mann muss es wissen.

Verschwörungen und anstößige Theorien hat es immer gegeben: Sokrates gilt seinerzeit als gefährlicher Verführer und Verderber der Jugend. Meister Eckhart wird wie viele andere von der römischen Kirche mit ihrem fixen Gottesbild als Ketzer gebrandmarkt. Gegen Rousseau wird von den Pariser und Genfer Behörden ein Haftbefehl erlassen wegen der Unchristlichkeit seiner Schriften. Nietzsche verliert seinen Kampf gegen Kleinbürgertum, Moral, Sitte und unlebendiges Christentum, weil seine Werke zu seinen Lebzeiten „totgeschwiegen werden“ und fast ohne Echo bleiben. – Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

„Wir leben in Zeiten einer Hermeneutik des Verdachts: Das Vertrauen, dass auch Andersdenkende nicht egoistische Perspektiven auf Wahrheiten haben könnten – ist dahin.
Die Folge: Jeder glaubt, gerade auch der Laie – und zwar weil Wahrheit im Allgemeinen fragwürdig geworden ist – dass er mit seinem jeweiligen Meinungsnarrativ mehr an wahrem Gehalt weiss, als alle Anderen. Das führt zu einem merkwürdigen Habitus: Experten werden nicht Ernst genommen, wohl aber, da sich der Laie seines Laie-Seins bewusst ist – andere „Experten“ als Kronzeugen angeführt, die der eigenen Meinung entsprechen. Hierbei ist es unerheblich, ob dieser Experte eine Randpositon hat oder nicht. Denn er wird auch nicht in seinem eigentlichen Gehalt wiedergegeben – sondern als politisches Kampfmittel instrumentalisiert.“

Nicolas Streun: Kommentar zum Artikel Klimawandel – Forscher antworten auf die Argumente von Skeptikern. Neue Zürcher Zeitung vom 27.3.2019

Der obige Kommentar beschreibt die Lage. Wobei verkannt wird, dass die Medienunternehmen daran mit ihren Anteil haben. So ist der Begriff des „Experten“ vielfach inflationär benutzt worden. Ich selbst habe erlebt, wie eine Finanzmaklerin für Altersvorsorgeprodukte einer Versicherung in der Fußzeile einer heute-Sendung als Expertin vorgestellt wurde, weil eine Mitarbeiterin des ZDF zur Struktur der Versicherungsvertreterin gehörte und so eine unterschwellige Werbung platzieren konnte.
Wie unerheblich ist die Position eines Experten für den Wahrheitsgehalt seiner Forschung? Gerade in Zeiten, wo die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Bildung sehr hoch ist und dort ein Geben und Nehmen stattfindet, ließe sich argumentieren, dass eine Randposition viel eher dem Kriterium einer Wahrheitsfindung gerecht wird, weil sie keinen ideologischen oder wirtschaftlichen Narrativen verpflichtet ist.
Schließlich liegt es in der Natur des Wissenschaftsbetriebs selbst, dass Experten voneinander abschreiben, sich gegenseitig zitieren und so bestimmte Narrative aufrecht erhalten, ja, der eigentliche Gehalt konkurrierender Experten wird auch dort verkürzt wiedergegeben.
Der Vertrauensverlust wird umso größer, wenn in den sogenannten Qualitätsmedien Verschwörungstheorien verbreitet werden, z.B. um einer transatlantischen Ideologie Vorschub zu leisten.5

Meine Beschäftigung mit Verschwörungstheorien beginnt 1990 mit der Eroberung Kuwaits durch den Irak. Ich lese zu diesem Zeitpunkt das Buch Wer regiert die Welt? von Des Griffin. Trotz der fundamentalchristlichen Anschauung fasziniert mich die Ankündigung (und Beschreibung) des Zweiten Golfkrieges in dem Buch. Am 11. September verkündet George Herbert Walker Bush die Neue Weltordung.6
Ich erinnere mich, wie meine Mitschüler eine friedliche Lösung erhoffen und eine lokale Friedensdemonstration organisieren, während ich nach Lesen des Buches davon überzeugt bin, dass der Krieg unvermeidlich ist. Mit geschärften Sinnen nehme ich das ganze mediale Trommelfeuer wahr, mit dem die Bevölkerung auf die „Richtigkeit“ des Krieges eingeschworen wird und mein Vater die Tageszeitung kündigt. Ich erlebe, wie die mediale Beeinflussung seine Wirkung nicht verfehlt: Dieselben Mitschüler, die vorher noch für Frieden demonstrieren, verfolgen bei Kriegsausbruch in den Nachrichten gierig die Zerstörungskraft der eingesetzten Waffen. CNN kontrolliert die Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet. „Schießpulver und Buchdruck gehören zusammen“, wie Oswald Spengler sagt, der die Presse früh als „geistige Artillerie“ entlarvt hat.7

Wenige Jahre später lese ich zum ersten Mal von einer kommenden elektronischen Gefangenschaft. In dem Büchlein Fernsehen als Instrument der verborgenen Mächte (1993) wird von einem Dialog-Kabel-Fernsehen Qube berichtet, mit dem in den 70er-Jahren Zuschauer in Columbus, Ohio abstimmen konnten. (Im Deutschen gab es den Tele-Dialog oder TED.) Es wird die Möglichkeit angekündigt, die mit dem System verbunden ist: Das Verhalten der Zuschauer wird in einer Datenbank alle sechs Sekunden erfasst. Wer sich außerhalb der Norm bewegt, macht sich verdächtig.

„Es ist abzusehen, daß dieser Trend zu vielfacher Anwendung dieses Systems führen wird. Bestellungen, Botschaften, Bankgeschäfte, Sicherung des Hauses gegen Brand und Diebstahl, Rufen eines Krankenwagens, alles das wird möglich durch die Qube-ähnlichen Systeme. Es ist denkbar, daß wir alle, die fest bleiben und es ablehnen, sich einer deratigen Ausbreitung abstumpfender, elektronischer Gefangenschaft zu beugen, eines nicht allzu fernen Tages von den meisten öffentlichen Dienstleistungen ausgeschlossen sind, einfach weil man solche Dienstleistungen nur noch über Systeme wie Qube anfordern kann. Die Benutzung solcher Systeme könnte bald so alltäglich sein wie heute die des Telefons.“

Fernsehen als Instrument der verborgenen Mächte. (o.V.) Haarlem: 21993, S. 61

Tatsächlich entwickelt sich das Internet ab 1993 rasant. Ein Viertel Jahrhundert später hat zwei Drittel der Weltbevölkerung ein Mobiltelefon und nutzt das Internet, etwa die Hälfte Social Media.8 Moderne Mobiltelefone eignen sich hervorragend zur Überwachung. Mit jeder Installation einer App oder Anmeldung bei einem Social Media Portal stimmen wir zu, dass unsere Daten wie unser Nutzerverhalten erfasst und gespeichert werden dürfen. In Europa dank der DSGVO rechtssicher.

Der Aufstieg von Google, Facebook u.a. wäre ohne den militärisch-industriellen Komplex nicht möglich. Das Ziel ist von Anfang an, „ein digitales Protokoll vom Leben eines Menschen zu erstellen, das nicht nur Dokumente wie Fotos, E-mails und Bücher enthält, sondern per GPS-Sensor auch eine lückenlose Aufzeichnung des Aufenthaltsorts.“9

In die 90er fällt auch der Beststeller Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert des bekanntesten deutschen Verschwörungstheoretikers Jan Udo Holey alias Jan van Helsing. Das Buch ist ein Sammelsurium rechter Esoterik. Das interessante an diesem Buch ist, dass Holey darin die Anschläge des 11. September 2001 mehr oder weniger vorwegnimmt:

„Der dritte Weltkrieg ist nach der Aussage William Coopers auf Mitte 1996 geplant. Er hat diese Information Geheimpapieren, die er während seiner Amtszeit für die Naval Intelligence (Geheimdienst der NAVY) photographiert hatte, entnommen. Danach ist geplant, eine der drei größten amerikanischen Städte (New York, San Francisco oder Los Angeles) durch eine Atombombe auszulöschen. Man wird die Schuld Extremisten aus dem Nah-Ost-Krisengebiet (Irak?) zuschieben, um eine Rechtfertigung fur den Beginn des dritten Weltkrieges zu haben.“

Jan van Helsing: Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert. Ein Wegweiser durch die Verstrickungen von Logentum und Hochfinanz, Trilaterale Kommission, Bilderberger, CFR, UNO. Lathen (Ems): 1993, S. 247
19 Räuber und Whaam! Farbdruck auf Millimeterpapier, 2014

Mein Interesse an Verschwörungstheorien schwindet. Erst Nine-Eleven, der lückenhafte 9/11 Commission Report und die „geistige Artillerie“ zum War on Terror als Rechtfertigung für den Afghanistan- und Dritten Golfkrieg wecken wieder meine Aufmerksamkeit für Verschwörungen. Zu offensichtlich sind die vielen Ungereimtheiten, über die schon an anderer Stelle ausführlich berichtet worden ist und die hier nicht wiederholt werden müssen.10

Nun könnte man meinen, mit Verschwörungstheorien ließen sich Zusammenhänge früher erkennen oder besser erklären. Wenn dann noch ein ehemaliger Verfassungsschutzpräsident äußert, der Begriff sei „von bestimmten ausländischen Geheimdiensten erfunden und verwendet worden, um politische Gegner zu diskreditieren“, ist man als Anhänger schnell geneigt, den Mann als Kronzeugen anzuführen. Zu glauben, mit der jeweiligen Verschwörungstheorie mehr an wahrem Gehalt zu wissen, darin gerade liegt die Gefahr von Verschwörungstheorien. Ihr Erkenntnisgewinn ist genauso dürftig, wie die vielen politisierten Narrative der Experten. Es nützt nichts, ein Meinungsnarrativ durch ein anderes zu ersetzen. Wir tauschen nur ein Puzzle gegen ein anderes aus; es mag besser passen, aber erkennen wir darum das Gesamtbild? Es bleibt dabei: Wenn wir nicht wie die klassischen Philosophen bereit sind, zu erkennen, dass wir nichts wissen, wenn wir immer Antworten haben und keine Fragen mehr stellen, leben wir in einem Sammelsurium von Narrativen. Wir machen uns verdächtig und verdächtigen andere.

Die Beschäftigung mit Verschwörungstheorien macht nur dann Sinn, wenn wir die Grenze der eignen Meinung und Eigenart zu übersteigen lernen und durch die Simulation der vielen Weltbilder hindurchbrechen.

Der Kosmische Mensch liebt die Wahrheit. Er denkt in alle Richtungen. Er weiß, dass die Wahrheit multidimensional ist, viele Perspektiven zulässt und oftmals nonverbal bleibt. Er weiß auch, dass die Wahrheit eine den ganzen Menschen erfassende und umgestaltende Kraft ist.

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