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Kinder | Bild von mojzagrebinfo auf Pixabay

„Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fesseln wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht oben her ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt, wie die Schranken welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke zeigen. – Ich sehe, sagte er. – Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Gefäße tragen, die über die Mauer herüber ragen, und Bildsäulen und andere steinerne und hölzerne Bilder von allerlei Arbeit; Einige, wie natürlich, reden dabei, andere schweigen. – Ein gar wunderliches Bild, sprach er, stellst du dar und wunderliche Gefangene. – Uns ganz ähnliche, entgegnete ich. Denn zuerst, meinest du wohl, daß dergleichen Menschen von sich selbst und von einander etwas anderes zu sehen bekommen als die Schatten, welche das Feuer auf die ihnen gegenüberstehende Wand der Höhle wirft? – Wie sollten sie, sprach er, wenn sie gezwungen sind, zeitlebens den Kopf unbeweglich zu halten! – Und von dem vorübergetragenen nicht eben dieses? – Was sonst? – Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, daß sie auch pflegen würden dieses vorhandene zu benennen was sie sähen?“

Karlheinz Hülser (Hrsg): Platon. Sämtliche Werke in zehn Bänden. Griechisch und Deutsch. Nach der Übersetzung Friedrich Schleiermachers, ergänzt durch Übersetzungen von Franz Susemihl u.a. Bd V: Politeia. Frankfurt am Main/Leipzig: 11991, S. 509

Wir haben uns weiterentwickelt. Uns zwingt niemand, den Kopf unbeweglich zu halten. Wir sitzen nicht mehr vor einer Höhlenwand und starren auf Schatten. Wir stieren auf Bildschirme mit deren Gaukelei. Freiwillig.

Ich gebe zu: Ich bin ein Fan von Keanu Reeves. Obwohl ich den gar nicht kenne. Er soll einmal gesagt haben: „I dream of a day where I walk down the street and hear people talk about morality, sustainability and philosophy instead of the Kardashians.“ Er soll zu den wenigen Schauspielern gehören, die auf ihre Gage verzichten oder sie großzügig spenden. Seine Rollen habe ich in Filmen wie Außer Kontrolle, Im Auftrag des Teufels, Matrix u.a. bewundert.

Keanu ist angeschossen. Sein Gesicht ist blutverschmiert. Er wird verfolgt. An einer Bar sitzt ein Asiate mit Nickelbrille. Der schaut von seinem Klapphandy auf. Als der eine Pistole zieht und schießt, kann Keanu ausweichen und mit dem Arm die Schusswaffe blockieren. Faustschlag von unten. Er wirft den Asiaten auf die Bar, führt seinen Arm und schießt mit dessen Pistole auf den Kommenden. Er stößt einen gelben Bleistift mit Wucht in den Kehlkopf des Verfolgers. Keanu löst die Pistole aus dem Griff des Mannes. Er nimmt einen weiteren Bleistift, sticht auf die Hand, sticht ins Bein, Schmerzensschreie, die Umklammerung ist gelöst, er fasst um, greift den Kopf, während der Keanus blutige Schusswunde drückt. Stöhnen. Stich ins Gesicht. Keanu drückt den Kopf des Asiaten auf die Tischplatte und stößt den gelben Bleistift ins Ohr. Dann drückt er diesen mit beiden Händen in den Kopf. Ratsch.

Warum schaue ich mir die Ästhetik des Tötens an? Warum versagt mein „moralisches Ich“? Weder bewahrt es mich davor, meine Zeit mit Filmen zu vergeuden, noch klärt es mich verlässlich auf, was im Film gut und was schlecht ist. Oder ist es richtig, wenn Actionhelden Rache nehmen und dutzendweise Gegner töten? Was ist los mit dem „Ich als Erlebnissubjekt“? Wieso kritisiert es nicht, dass die simulierten Sinneseindrücke und Gefühle nicht meine eigenen sind, sondern die von Schauspielern? Warum mache ich mir diese zu eigen und erzähle anderen von einem Film, so, als hätte ich die Handlung selbst erlebt?

Wir wollen uns ablenken. Abschalten, uns selbst und unser ungelebtes Leben mit den vielen endlosen Aktivitäten. Dann sind wir tatsächlich nicht mehr als die Figur Prof. Simon Wright aus Captain Future. Und die Neurowissenschaft behält Recht, wenn sie behauptet, dass Realität für unser Gehirn nur ein mentales Modell ist. Da macht es keinen Unterschied, ob wir einer Messerstecherei auf der Straße beiwohnen oder im Kinosessel. Die körperlichen Auswirkungen sind dieselben: Stress und Beihilfe zum Seelenmord.

Ich bin angeschossen. Mein Gesicht ist blutverschmiert. Ich werde verfolgt. An einer Bar sitzt ein Asiate mit Nickelbrille. Der schaut von seinem Klapphandy auf. Als der eine Pistole zieht und schießt, kann ich ausweichen und mit dem Arm die Schusswaffe blockieren. Faustschlag von unten. Ich werfe den Asiaten auf die Bar, führe seinen Arm und schieße mit dessen Pistole auf den Kommenden. Ich stoße einen gelben Bleistift mit Wucht in den Kehlkopf des Verfolgers, löse die Pistole aus dem Griff des Mannes, nehme einen weiteren Bleistift (warum liegen die hier?), steche auf die Hand, steche ins Bein, die Umklammerung ist gelöst. Ich fasse um, greife seinen Kopf. Meine blutige Schusswunde schmerzt. Ich steche ihm ins Gesicht, drücke seinen Kopf auf die Tischplatte und stoße ihm den gelben Bleistift ins Ohr. Den drücke ich ihm mit aller Kraft in den Kopf. Ratsch.

Der Kosmische Mensch sieht auch gern fern. Er schaut in den Himmel und sieht die Sterne. Er kennt ihre Gesetzmäßigkeit. Der Weltenraum ist das kosmische Gedächtnis. Die Zeit schreibt alles auf. Sie ist ein gelber Bleistift. Es gibt kein Vergessen im Kosmos, keine Schwarzen Löcher. Alles bleibt verwahrt.

„Der Ermordete wetzt den Dolch des Mörders, und beide führen den verhängnisvollen Streich aus. Der Beraubte gibt dem Räuber die Richtung an, und beide begehen den Raub. Ja, der Mensch lädt sein eigenes Unglück ein und beschwert sich dann über die lästigen Gäste, weil er vergessen hat, wie und wann und wo er sich hinsetzte und die Einladungen ausschrieb und versandte. Aber die Zeit vergißt es nicht; und die Zeit stellt zur rechten Zeit jede Einladung an die richtige Adresse zu; und die Zeit führt jeden Eingeladenen zur Wohnung des Gastgebers.“

Mikhail Naimy: Das Buch Mirdad. Ein Leuchtturm und ein Hafen für Jene, die sich nach der Überwindung sehnen. Haarlem: 1968, S. 147f.